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Meral Kureyshi: «Fünf Jahreszeiten»

Verliebt in zwei Männer

Nach Meral Kureyshis Erstlingswerk «Elefanten im Garten» stand sie 2015 im Scheinwerferlicht und gewann zahlreiche Literaturpreise. Nun betritt die 38-jährige Bernerin mit ihrem zweiten Roman «Fünf Jahreszeiten» erneut die Literaturbühne. Eine Geschichte, die bildhaft und äusserst poetisch aus dem Leben einer Suchenden erzählt.

Ein schönes Buch, eine schöne Geschichte und fünf Jahreszeiten.

Text und Foto NICOLET PERRIARD

Die Erzählerin arbeitet als Aufseherin im Berner Kunstmuseum. Sie ist jung, unentschlossen, hat ihr Master-Studium abgebrochen, der Job ist eher etwas für den Übergang. Sie lebt mit Manuel zusammen, und liebt gleichzeitig Adam, einen anderen. « Die Fünf Jahreszeiten» von Winter bis Winter, die dem Roman den Titel geben, zeigen eine Frau im Dazwischen, nicht unzufrieden, aber auch nicht glücklich. Sie kommt aus dem Nachdenken nicht heraus und aus ihrer Beziehung ebenso nicht. Und je mehr sie sich zu einer Entscheidung drängt, umso aussichtsloser scheint die Situation.

Die Vernunft versagt kläglich – immer wieder
So jagt ein kläglicher Versuch den nächsten – das Gefühlschaos lässt sich indes nicht mit Vernunft lösen. Egal, wie lange sie sich den Kopf darüber zerbricht. Die Hauptfigur, deren Name auf den 200 Seiten nie genannt wird, ist eine Gefangene im Schwebezustand. Kein Vorwärtskommen, keine Entscheidung. Das Lesen dieses Buches braucht Nerven und lässt zeitweise die Haare raufen. Aber im positiven Sinne. Denn: Dass die Erzählerin nicht vorwärtskommt, macht sie menschlich und nahbar. Sie kann nicht Ja sagen und nicht Nein, stolpert lieber in der Stadt herum und beschreibt verpeilt-verträumt Bäume, Gebäude und Schneeflocken. Man möchte der Protagonistin aus ihrer misslichen Lage helfen, ein Rettungsseil zuwerfen, ihr einen guten Tipp in dieser verfahrenen Phase ihres Lebens geben.

Die Einsamkeit und die Melancholie bleiben
Das melancholische Gefühl, welches das Buch beim Lesen hervorruft, hält nach der letzten Seite noch Tage an. Das lähmende Gefühl einer festgefahrenen Situation oder einer stockenden Lebensphase kennt wohl jeder. Die Erzählung ist mit wunderschönen poetischen Schilderungen und Beobachtungen angereichert. Damit schafft Kureyshi trotz der verzwickten Beziehungslage, kleine Geschichten zwischen der Liebesgeschichte und der orientierungslosen Ratlosigkeit dieser jungen Frau zu erzählen. Egal, wie klein diese Prisen Poesie auch sein mögen – die Wirkung überrascht den Leser jedes Mal und erzeugt hier und da sogar Gänsehaut.

Bas Kast: «Das Buch eines Sommers»
Podcast «Hotel Matze»
Meral Kureyshi

Fünf Jahreszeiten

CH Literatur Roman
Gebunden, 200 Seiten
Fr. 28.–*
* unverbindliche Preisempfehlung
ISBN: 978-3-85791-857-5