FAU Redaktion Werkschau Text

Horrorfilm «Spell» mit Omari Hardwick

Ein Familienvater zwischen Wahnsinn und Hoodoo-Ritualen

Marquis hat das perfekte Leben. Er ist erfolgreich, hat eine Familie und viel Geld. Doch eines Tages kriegt er einen ominösen Anruf, der sein gesamtes Leben verändert. Ihn erwartet unvorstellbares Grauen.

Hauptdarsteller Omari Hardwick überzeugt in «Spell» als leidgeprüfter Marquis.

Text FABIAN A. MEYER

Das Leben von Marquis (gespielt von Omari Hardwick) könnte nicht besser sein. Morgens steigt der Afroamerikaner in sein fettes Auto, fährt zu seiner Arbeit als Geschäftsmann, scheffelt eine Menge Kohle und finanziert damit sich, seine Familie, das grosse und luxuriöse Haus und sein Auto. Das Leben läuft einfach rund. Er hat alles, was er will, und könnte mit seinen Geldscheinen heizen.

Doch eines Tages erreicht ihn ein Anruf, der sein Leben komplett verändern soll. «Ich habe leider schlechte Nachrichten wegen Ihres Vaters. Er ist verstorben. Es tut mir wirklich leid, Ihnen diese Nachricht zu überbringen, aber Sie sind als nächster Verwandter angegeben, und es gibt Nachlassangelegenheiten zu klären.» Die Vergangenheit trifft ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Sie holt ihn ein und bringt ihn zurück in eine Zeit, die er verdrängt und seiner Familie verheimlicht hat. Doch nun sind die Schatten der Vergangenheit wieder da – und nehmen alles ein.

Der noble Geschäftsmann wird wieder zu dem kleinen Kind, das in einer rückwärtsgewandten und in der Zeit stehengebliebenen Gesellschaft aufgewachsen ist. Erinnerungen an alte Bräuche und seinen gefühlskalten Vater kommen wieder hoch. Zwei Welten krachen aufeinander. Der distinguierte Geschäftsmann muss urplötzlich sein luxuriöses Büro gegen die ländlichen Appalachen, ein bewaldetes Gebirge im östlichen Nordamerika, eintauschen. Doch nichts wird laufen wie geplant. Ihm steht grosses Grauen bevor.

Eindrückliche schauspielerische Leistung
Bereits in den ersten Minuten kommt das grosse schauspielerische Talent von Omari Hardwick zur Geltung. Der Moment, in dem ihn seine Vergangenheit einholt, ist extrem gut gespielt. Er schaut einfach in die Kamera. Direkt dem Zuschauer ins Gesicht. Der Blickkontakt ist so intensiv, dass man wegschauen möchte. Man spürt förmlich, wie ihn sämtliche positive Energie verlässt und nichts mehr übrig bleibt ausser die Narben der Vergangenheit, die einfach nicht verheilen wollen. Er ist weder traurig noch glücklich. Da ist einfach nichts. Das Nichts ist ausdrucksstärker als jedes andere Gefühl – und es frisst ihn auf. So eine herausragende Leistung spricht für sich und zeugt von den einwandfreien schauspielerischen Qualitäten.

Leider können nicht alle seine Schauspielerkollegen an seine Leistung anknüpfen. Insbesondere sein Sohn Tydon (gespielt von Kalifa Burton) wirkt mit seiner betont lockeren und saloppen Art und Ausdrucksweise fehl am Platz. Während sein Vater ernsthafte Probleme mit seiner Vergangenheit hat und versucht, einen Sinn in dem Ganzen zu finden, kümmert sich der Teenager Tydon nur darum, ob es «da oben» in den Appalachen überhaupt andere «Schwarze» und Strom gibt. Sein Verhalten wirkt unsympathisch – und das wird sich im Verlauf des Films auch nicht mehr gross ändern. Jedoch kann Schauspieler Kalifa Burton sein Können auch nie wirklich unter Beweis stellen. Denn Marquis’ Familienmitglieder bekommen viel zu wenige Szenen, in denen die Darsteller ihre schauspielerischen Leistungen zeigen könnten.

Aussagekräftige Momente und Szenen bleiben aus, und es drängen sich viele Fragen auf, die unbeantwortet bleiben: Wie ist das Verhältnis innerhalb der Familie? Ist Marquis ebenso gefühlskalt wie sein Vater? Will er seinen Kindern ein guter Vater sein und der perfekte Ehemann für seine Frau? Kannte die Familie Details zu seiner Vergangenheit? Diese Fragen zu klären, würde dem Zuschauer helfen, zum Rest der Familie ebenfalls einen emotionalen Bezug aufzubauen. Aber so, wie die Familienmitglieder im Film dargestellt werden, bleiben die Figuren platt und gewissermassen auch ersetzbar.

Schutzlos den Psychopathen ausgeliefert
Wenige Tage nach dem Telefonat sitzt die Familie bereits im Flieger und steuert auf die Appalachen zu. Doch sie wird von einem Unwetter überrascht. Allen Bemühungen von Marquis zum Trotz stürzt die Maschine ab und kracht mit ohrenbetäubendem Lärm in einen Wald. Stille. Dunkelheit. Orientierungslosigkeit. Es dauert eine Weile, bis Marquis in einem Haus aufwacht. Seine Familie ist nicht bei ihm, und er hat keine Ahnung, wo er ist.

Der Raum, in dem er aufwacht, ist holzgetäfelt. Hinter ihm ist ein dreckiges Fenster, vor ihm eine Tür aus Holz. Beide sind von aussen abgeschlossen. Wie kam er hierher? Er kann keinen klaren Gedanken fassen. Ihm dröhnt der Kopf. Er schaut sich weiter um: Das Zimmer ist sehr spärlich eingerichtet. Neben dem Bett befindet sich ein kleiner Beistelltisch mit einer Lampe. Der Boden ist nackt – bis auf ein paar wenige Teppiche. In einer Ecke stehen ein paar Bilder auf dem Boden, und ein altmodischer Stuhl neben dem Bett deutet darauf hin, dass er Gesellschaft bekommen wird.

Sein Bett ist altmodisch und einfach, aber dennoch mit einer bequemen Matratze, einer alten Decke und Kissen ausgestattet. Eigentlich wäre es kein schlechtes Zimmer – wäre da nicht die gruselige Alte namens Eloise (gespielt von Loretta Devine), die ihn ständig «besuchen» kommt und ihn verarztet. Die Frau sieht unverdächtig aus. Etwas rundlich, mit einem vollen Gesicht und einer Schürze. An ihrem Äusseren ist nicht zu erkennen, wie abgrundtief böse sie ist. Sie verabreicht Marquis verschiedene Pülverchen, wechselt seinen Verband und füttert ihn. Was er da isst, weiss er nicht. Aber alles ist besser, als zu verhungern.

Schnell merkt Marquis, dass die Heilmethoden und Mahlzeiten keineswegs zu seinem Wohl sind. Zu Eloise gehört ihr Ehemann Earl (gespielt von John Beasley). Beide halten gar nichts von der modernen Zivilisation und den medizinischen Fortschritten der letzten Jahrzehnte. Für sie zählen nur die alten Bräuche. In diesem Fall sind es Hoodoo-Rituale – eine religiöse Lehre mit magischen Ritualen. Oft werden Hoodoo und Voodoo als Synonyme angesehen.

Wie diese Bräuche aussehen und praktiziert werden, wird Marquis noch früh genug erfahren – und spüren. Von seiner Familie fehlt weiterhin jede Spur. Er ist dem verrückten Ehepaar schutzlos ausgeliefert.

Schrecklich realistisch
Auch wenn sich der Film von nun an zu einem Grossteil im Haus von Eloise und Earl abspielt, kommt zu keiner Sekunde Langeweile auf. Immer hat der Zuschauer etwas zu beobachten. Seien es die regelmässigen Besuche von Eloise, Marquis’ kläglich scheiternde Fluchtversuche oder auch einfach nur die beklemmende Situation an sich. Man fiebert konstant mit. Es zeugt von grosser schauspielerischer und filmtechnischer Leistung, wenn ein Film über einen langen Zeitraum hinweg spannend bleibt, ohne besonders viel Action. Die Atmosphäre und vor allem Eloise mit ihrer abscheulichen Art vereinnahmen alles.

Im Verlauf der Geschichte steigt auch der Grad an Brutalität immer weiter. Der Film spielt mit der Fantasie des Zuschauers. Manchmal wird eine brutale Handlung nur angedeutet und hör-, aber nicht sichtbar gemacht. Andere gewaltsame Handlungen wiederum werden gezeigt. An dieser Stelle sind vor allem die Maskenbildner zu loben: Marquis’ Verletzungen und Brüche sehen erschreckend realistisch aus. So, als hätte man ihn vor dem Dreh tatsächlich vermöbelt und dann zum Set geschickt.

Aufgrund dieser realistischen Darstellung und von Hardwicks grandiosem Schauspiel hat die Darstellerin von Eloise nur bedingt eine Chance, ebenfalls mit guter Leistung zu glänzen. Doch die Chancen, die sie bekommt, nutzt sie voll aus. Wann immer sie einen Auftritt hat, wird sie von einer unheimlichen Aura begleitet. Sie vereinnahmt den ganzen Raum und hält mit ihrer betont gespielten Freundlichkeit stets den Spannungsbogen aufrecht. Ihr Ehegatte Earl wirkt dagegen immer ein wenig überflüssig und so, als würde er nicht dazugehören.

Horrorfilm Spell aus dem Jahr 2020
Spell

Genre: Horror
Filmverleih: Paramount Pictures
Regie: Mark Tonderai; Erscheinungsjahr: 2020
Dauer: 90 Minuten
Darsteller: Omari Hardwick, Loretta Devine

Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?
Allen Strapazen und Quälereien zum Trotz schafft es Marquis dann doch irgendwie, sich aus den Fängen von Eloise und Earl zu befreien und zu flüchten. Das ist der Moment, an dem der Film beginnt, in die üblichen Klischees eines Horrorfilms zurückzufallen. Der Verlauf der Flucht ist sehr vorhersehbar: Natürlich findet er genau im richtigen Moment eine Strasse, auf der genau im richtigen Moment ein Auto vorbeifährt, dessen Fahrer ihn per Zufall genau im richtigen Moment noch sehen kann und ihn einsteigen lässt. Auch der weitere Verlauf ist vorhersehbar: Der Autofahrer ist gar nicht so nett, wie es scheint, und bringt Marquis schnell wieder auf Eloises und Earls Hof zurück.

Das ist zwar eine gute Lösung für den weiteren Filmverlauf, jedoch kriegt der Zuschauer das Gefühl, Ähnliches schon in anderen Filmen gesehen zu haben. Spannender wäre beispielsweise gewesen, wenn Marquis tatsächlich entkommen wäre: Was wären danach seine nächsten Schritte gewesen? Hätte er Hilfe bei der Polizei gesucht? Würde man ihm glauben? Würde man ihm sagen, seine Familie sei tot? Wäre er anschliessend traumatisiert in eine Anstalt eingeliefert worden? Und vor allem: Was wäre danach mit Eloise passiert? Würde sie sich einfach ein neues Opfer suchen? Oder hat Marquis eine tiefere Bedeutung, von der der Zuschauer bisher nichts wusste? Solche Fragen aufzuwerfen und zumindest teilweise zu klären, hätten dem Film eine überraschende Dynamik und einen Ansatz gegeben, der sich deutlich von anderen Horrorfilmen abhebt.

Doch da der Film nun mal ist, wie er ist, wird Marquis auf den Hof zurückgebracht. Das Finale auf dem Hof kann im Gegensatz zur Flucht dann wieder vollends überzeugen. Die Schauspieler liefern eine sehr gute Performance ab, die Geschichte erlebt einen sinnvollen Spannungsanstieg, und der Zuschauer fiebert mit den Protagonisten der Geschichte mit. Auch wenn man davon ausgeht, alles werde gut, wähnt man die Protagonisten doch nie in kompletter Sicherheit und hofft, ihnen werde nichts mehr zustossen. Auch das Ende des Films kann auf ganzer Linie überzeugen und wirkt befreiend, weil das ganze Mitfiebern und all die gruseligen und brutalen Begegnungen mit Eloise nun vorbei sind.

Ein Geheimtipp – leider
Doch auch am Ende des Films bleiben Fragen offen: Was ist nach dem Flugzeugabsturz mit Marquis’ Familie passiert? Wurden sie gefoltert? Haben sie nach Marquis gesucht? Und wie geht es mit der Familie nun weiter? Wie gehen sie mit den traumatisierenden Erfahrungen um? Wie sieht ihr Leben nach diesem Horror aus? Für ein perfektes Ende hätte die eine oder andere Frage geklärt werden müssen, damit der Zuschauer wirklich abschliessen kann.

«Spell» (zu Deutsch Zauber oder Bann) aus dem Jahr 2020 rangiert dennoch dank einwandfreier Produktion und der schauspielerischen Leistungen weit über dem üblichen Horrorfilm-Durchschnitt. Kein Backwoodslasher, kein Typ mit einer Hockeymaske oder Leute, die sich als Geist verkleiden und die Teenager fragen, was ihr Lieblingshorrorfilm sei. Hinter «Spell» stehen der Anspruch und die künstlerische Vision, einen Horrorfilm zu schaffen, wie er nur selten zu sehen ist – und dieses Vorhaben ist einwandfrei gelungen.

Fazit: «Spell» ist ein echter Geheimtipp. Leider. Denn unter Horrorfilmfans hätte er wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient.

Joaquin Phoenix im Film Joker
TV-Serie «FBI», Dick Wolf
Podcast «Hotel Matze»