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Dina Draeger, Kursleiterin und Executive Coach

«Ich mag die Begriffe ‹Bewerbung› und ‹Stellensuche› nicht»

Als Kind wollte Dina Draeger Schlangentänzerin werden, entschied sich später aber zunächst für Leistungssport und Radiojournalismus. Heute gibt die 55-Jährige als freiberufliche Executive Coach und Kursleiterin Tipps, wie gute Kommunikation funktioniert und auch Schüchterne innerlich zum Star werden.

Dina Draeger, Kommunikationscoach
Die Figuren wurden von Dina Draeger für eine Ausstellung angefertigt und bevölkern nun ihr Atelier.

Text STEFFEN WEISBROD
Fotos SIMONE GLOOR

Du startest den FAU-Kurs «Kommunikation und Networking» mit einer Umfrage, wie hoch die Teilnehmer den Anteil der Worte neben Tonfall und Körpersprache am Gesamteindruck eines Gesprächs einschätzen. Warum wird die Verteilung meist falsch eingeschätzt?
DINA DRAEGER: Im menschlichen Miteinander urteilt das Gegenüber bereits, bevor das erste Wort gesprochen ist. Unser Gehirn ist auf Kohärenz und Energiesparen angelegt. Daher akzeptiert das Bewusstsein gerne ungefiltert Konditionierungen aus dem Unbewussten und neigt dann zu Fehlschlüssen. Der Kurs soll dazu anregen, bewusster zu kommunizieren und zuzuhören.

Der sogenannte Elevator Pitch, eine Methode für die kurze Zusammenfassung einer Idee, bildet einen Schwerpunkt des ersten Kurstages. Worauf kommt es dabei an, wie viele Pitches sollte jemand auf Lager haben und trainieren, um sie auch anwenden zu können?
Der Elevator Pitch ist eine Übung, die man sich so vorstellen kann, als würde man sich vornehmen, einen Baum zu malen: Je öfter du den Baum malst, desto besser gelingt er. Dabei geht es auch darum, dass wir mit mehr Übung nicht mehr über den Text nachdenken müssen. Irgendwann können wir dann anfangen, zu improvisieren. Analog zur Malerei sollten wir alle Farbschattierungen beherrschen. Durch das stetige Üben wandern dann die Textbausteine in das Langzeitgedächtnis. Abstrakte Begriffe wie Kreativität oder Teamfähigkeit sind unpersönlich und austauschbar. Wichtig ist eine Story, die hängenbleibt. Ebenso, dass wir uns im Vorfeld darauf einstellen, mit wem wir es zu tun haben, und dass die Person womöglich anders kommuniziert, als wir erwarten. Dann ist es wichtig, echtes Interesse zu zeigen, Fragen zu stellen und zuzuhören.

Worauf sollten Bewerber besonders achten, damit sie in einem Vorstellungsgespräch gut ankommen und Feedbacks erhalten, die sie weiterbringen?
In einem Vorstellungsgespräch geht es darum, Fähigkeiten oder Skills auf Vertragsbasis anzubieten. Deshalb mag ich die Begriffe «Bewerbung» und «Stellensuche» nicht. Es geht um eine Verhandlung auf Augenhöhe. Als würden zwei Firmen miteinander verhandeln. Der eine ist Anbieter, der andere Nachfrager. Und in eine Verhandlung geht man immer mit der Option, selbst Nein sagen zu können, und im Bewusstsein, dass mit einem Nein der Gegenseite die Welt nicht untergeht. Wichtig ist, im Gespräch authentisch und natürlich zu bleiben, gelegentlich zu lächeln und Augenkontakt zu halten. Man sollte den eigenen Werdegang konsistent in zwei Minuten zusammenfassen können. Ebenso wichtig ist das «Storytelling»: Eine kleine Geschichte kann mehr bewirken als tausend Details. Gesprächseinstieg und -ausstieg sind wichtiger als der Mittelteil. Durch Nennung drei guter Gründe für einen Vertragsabschluss kann man Herzblut zeigen und bewirken, dass die Dollarzeichen in den Augen des Gegenübers erscheinen. Zum Beispiel mit Aussagen wie: «Diesen konkreten Mehrwert biete ich Ihnen» oder «Dieses Problem löse ich für Sie».

Am Kurs nehmen mehr Frauen als Männer teil, woran liegt das deiner Meinung nach?
Für mich sind Frauen und Männer gleich. Daher ist mir das gar nicht aufgefallen. Ich vermute aber, dass Frauen mehr Probleme haben, sich durchzusetzen. Meine Wahrnehmung ist, dass Männer bessere Netzwerker sind, weil sie weniger Hemmungen haben, zu sagen, was sie wollen. Aus diesem Grund ist der Wunsch, sich auf diesem Gebiet zu verbessern, womöglich bei Frauen grösser. Als Kind beneidete ich Jungen um viele ihrer Freiheiten und hatte das Gefühl, ein Mädchen zu sein, sei nicht so cool. Damit ich die unfreiwillige Erlaubnis meiner Eltern erhielt, meine Haare kurz zu schneiden, habe ich mir Kaugummi in meine Locken geschmiert. Das habe ich anschliessend beim ersten Blick in den Spiegel dann doch bereut. Das hatte aber mehr mit den Haaren zu tun und weniger mit den Privilegien, die ich meinte, als Junge zu haben. Heute weiss ich, dass beides Vor- und Nachteile hat.

Wie führen Initiativbewerbungen zum Erfolg, besonders am Telefon? Oft fehlt es an einem Aufhänger, um den Mut zu finden, zum Hörer zu greifen. Wie findet man den richtigen Aufhänger?
Der wichtigste Aufhänger ist die Frage nach dem «Warum». Bei einem Produkt oder einer Dienstleistung geht es immer um die drei Fragen «Warum?», «Wie?» und «Was?». Daher kläre vor einem Telefongespräch oder grundsätzlich vor einer Initiativbewerbung immer dein «Warum?». Auf einen Traum und eben auch einen Traumjob sollte man zielstrebig hinarbeiten. Als Übung rate ich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern jeweils, zunächst bei Firmen anzurufen, die sie nicht interessieren. Und vorab genau zu recherchieren, wen sie anrufen. Wichtig ist auch, gleich am Anfang abzuklären, ob der oder die Angerufene überhaupt Zeit hat und zu einem Gespräch bereit ist. Einstiege wie «Haben Sie einen kurzen Moment Zeit?» oder «Ich komme gleich auf den Punkt» helfen dabei. Und dann gehört eine Portion Urvertrauen in die eigenen Fähigkeiten dazu. Menschen scheitern nicht, sondern geben auf.

Du sagst von dir, du seist im Grunde genommen schüchtern. Wie schaffen es Schüchterne trotzdem, gut zu kommunizieren?
Schüchternen hilft es, in eine Rolle zu schlüpfen und sich als «Star» zu erfinden. Dieses Selbstcoaching oder diese Selbstkonditionierung werden Schüchterne und alle anderen nach einiger Übung verinnerlichen, und die Rolle, die sie sich entschlossen haben zu spielen, sickert zum eigentlichen «Ich» durch. Irgendwann spielst du dann tatsächlich die Hauptrolle. Die Angelsachsen haben dazu einen guten Spruch: «Fake it until you make it!»

Was unterscheidet aus deiner Sicht den Schweizer Arbeitsmarkt und die Personalrekrutierung von jenen der beiden anderen deutschsprachigen Länder?
Ich habe das Gefühl, dass der Schweizer Stellenmarkt sich speziell durch ein hohes Mass an Formalismus unterscheidet, also dass sich Rekrutierer mit Leuten schwertun, die entweder Erfahrung, aber kein Diplom oder ein Diplom, aber noch keine Erfahrung haben. Das gilt besonders bei grossen Unternehmen und bei der öffentlichen Hand. Kleinere Unternehmen in der Schweiz habe ich dagegen als sehr agil und flexibel erlebt. Grundsätzlich könnten bei Schweizer Unternehmen die grossen von den kleinen Flexibilität lernen und umgekehrt die kleinen von den grossen mehr Diversität – auch wenn ich dies nicht pauschal so erlebe. In der Transformation erlebe ich auch bei international agierenden Konzernen erstaunliche «Change»-Kompetenzen. Nur dauert der Veränderungsprozess oft länger. Das unterscheidet ein Schnellboot von einem grossen Tanker.

Du hast in verschiedenen Ländern und Kulturen gelebt. Wie beeinflusst deiner Erfahrung nach die jeweilige Landeskultur den Kommunikationsstil, insbesondere im Stellensuchprozess?
Die Landeskultur beeinflusst die Kommunikation erheblich. In Lateinamerika wäre es zum Beispiel ein Affront, einen Kandidaten direkt nach seinen Schwächen zu fragen. Und Asiaten pflegen eine ganz andere Kultur der Höflichkeit und Bescheidenheit als Westeuropäer oder US-Amerikaner. In internationalen Grossunternehmen hat sich allerdings zumindest der verbale Kommunikationsstil mit der Verbreitung von Englisch als Konzernsprache vereinheitlicht. Zu diesem Thema empfehle ich den FAU-Kurs «Internationale Zusammenarbeit».

«Auf einen Traum und eben auch einen Traumjob sollte man zielstrebig hinarbeiten.»

Dina Draeger, Kursleiterin und Executive Coach

Wie bist du zum Leistungssport gekommen?
In der Schule war ich Mobbing und körperlicher Gewalt ausgesetzt und landete für einige Zeit sogar im Rollstuhl. Das war für mich der Moment, in dem ich für mich beschloss, nie mehr in meinem Leben in eine Situation zu kommen, in der ich dem Gegenüber nichts entgegensetzen kann. So kam ich zum Kampfsport. Ich habe dann gemerkt, dass Sport mir guttut, und mit Leistungssport angefangen. Ich bin jeden Tag 60 Kilometer Rad gefahren und habe sechs Stunden Kampfsport trainiert.

Wie verlief dein Weg in Richtung Journalismus?
Ich wollte nach Paris gehen und habe mich auf den letzten Drücker als Radiojournalistin bei Radio France beworben. Wegen der fehlenden Zeit habe ich nur einen mit türkiser Tinte handgeschriebenen Lebenslauf eingeschickt. Zunächst kam eine empörte Absage, aber dann haben sie mich doch noch eingestellt.

Du hast an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Kunstgeschichte, Philosophie und Medienkunst studiert. Was hat dich dazu bewogen?
Die Wahl Karlsruhe war reiner Zufall. Die Hochschule war erst kurz vor meinem Studienbeginn gegründet worden. Die interdisziplinäre Ausrichtung zwischen Fachrichtungen wie Medienkunst, Kommunikationsdesign oder Philosophie hat mich gereizt. Kunst hat mich schon von Kindesbeinen an geprägt, und ich verspürte einen starken Gestaltungswillen. Wie schon in Paris habe ich meine Bewerbung auch hier auf den letzten Drücker eingereicht. Sie haben mich tatsächlich eingeladen, und ich habe den Studienplatz bekommen, trotz oder gerade wegen eines Disputs bei der Aufnahmeprüfung. Widerworte waren erwünscht, und so habe ich ein Studium mit einer konstruktiven und horizonterweiternden Streitkultur erleben dürfen. Dafür bin ich dankbar.

Wie bist du zu Kabarett und Kleinkunst gekommen, und wie hast du gemerkt, dass du gut kommunizieren kannst?
Während meines Studiums in Karlsruhe wurde ich vom Chefredaktor des Senders, bei dem ich gerade arbeitete, um das Geld für mein Studium zu verdienen, angefragt, ob ich mir vorstellen könnte, bei einem Kabarettensemble mitzumachen. Ich habe spontan zugesagt, hatte dann aber umgehend ziemlichen Respekt vor meiner eigenen Courage. Der Sprung ins kalte Wasser war richtig, und ich hatte wahrscheinlich mehr Glück als Verstand – das ist wohl bei einem Wagnis so. Ich hatte zudem einen genialen Bühnenpartner, wir haben uns super ergänzt: Ich hatte die guten Ideen, und er lieferte die passenden Texte dazu. Insgesamt habe ich elf Jahre beim Kabarettensemble «Die Spitzklicker» mitgewirkt, was im Dialekt im Rhein-Neckar-Raum so viel wie Schlitzohr bedeutet. Als mein Bühnenpartner an Krebs verstarb, war für mich klar, dass ich aufhören würde, denn er hatte eindeutig das grössere Talent für Texte als ich. Es hätte keinen Sinn gehabt, ihn schlecht zu imitieren und ihn gar posthum zu beleidigen. Dafür konnte ich gut auf der Bühne stehen, auch wenn ich manchmal Lampenfieber hatte. Genauso – wenn ich ganz ehrlich bin – wie heute auch vor jedem neuen Kurs, weil ich so gespannt auf die Menschen bin, die ich kennenlernen darf. Das ist viel persönlicher und aufregender, als wenn man auf der Bühne steht. Mir war nicht bewusst, dass ich anscheinend gut kommunizieren kann. Ich habe aber schon immer gerne Menschen zusammengebracht und Leute eingeladen. Im Laufe der Jahre hat sich die Verbindung von Kunst und Coaching weiterentwickelt.

Hast du ein Morgenritual, respektive was machst du, bevor du mit der Arbeit beginnst?
Ich bin Frühaufsteherin. Zwischen 5.00 und 7.30 Uhr bereite ich mich auf den Tag vor. Ich esse zwei Teller Spaghetti oder asiatische Nudelsuppe, um Kraft zu tanken. Dann lese ich mehrere Zusammenfassungen von Fach- oder Sachbüchern auf der Blinkist-App, die die Kernaussagen von Sachbüchern erklärt, und treibe anschliessend Sport.

Hast du einen Tipp für gute Laune bei der Arbeit?
Ein guter Tipp ist immer: Trage selbst zur guten Laune bei und lass dich dann zurück anstecken. Aus meiner Erfahrung kann man sich auch durch das Üben von Posen vor dem Spiegel – dem sogenannten Power-Posing – positiv auf den kommenden Arbeitstag einstellen. Und gute Laune hat auch mit Dankbarkeit zu tun, zum Beispiel dafür, dass man gesund aufstehen konnte. Wenn alles nichts hilft, lächle ich. Auch ohne Publikum.

Abschliessend noch die Bitte um deine Einschätzung: Was machen deiner Erfahrung nach die meisten Bewerber falsch, wenn sie nach einer Stelle suchen?
Kurz gesagt erstens, dass sie sich bewerben, und zweitens, dass sie suchen. Wie ich schon ausgeführt habe, ist es wichtig, nicht als Bewerber aufzutreten, sondern als Anbieter, und auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Zur Person
Dina Draeger, 55, ist Norddeutschland geboren und aufgewachsen. Sie verbrachte in ihrer Jugend auch einige Jahre in Israel und in der Schweiz. Als Kind wollte sie Schlangentänzerin werden. Als sie feststellte, wie schwer Schlangen werden können, hat sie diesen Berufswunsch aber verworfen. Für FAU leitet sie neben «Kommunikation und Networking» auch die Kurse «Präsentieren mit PowerPoint Plus» und «Selbstverteidigung», in dem es primär um mentale Stärke und das Nutzen von Stimme und Körpersprache zur Selbstbehauptung und Abgrenzung gegenüber psychischer und physischer Gewalt geht. Den Weg zur Kursleiterin und zu FAU fand sie ebenfalls über Networking und ihr Beziehungsnetz. Dina studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Medienkunst in Karlsruhe und arbeitete viele Jahre als Kabarettistin und ist bis heute als bildende Künstlerin tätig. Über zahlreiche Weiterbildungen kam sie schliesslich zu ihrer heutigen Tätigkeit als Coach, Consultant und Kommunikationsberaterin. Als Gründerin und Inhaberin der Peak Matters GmbH begleitet sie Menschen bei der persönlichen und beruflichen Entwicklung. Mit dem englischen Begriff «peak» verbindet sie vor allem das Kippmoment im Leben: Irgendwann ist der Zenit erreicht, und das sollte man rechtzeitig merken.
www.peak-matters.com

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Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Zeitschrift «blickwinkel», deren Herbstausgabe 2021 sich dem Thema Kommunikation im Bewerbungsprozess widmet.
Die Zeitschrift «blickwinkel» erscheint jeweils im Mai und November. Jede Ausgabe konzentriert sich auf ein facettenreiches Thema und beleuchtet es aus unterschiedlichsten Perspektiven.
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