FAU Redaktion Werkschau Text

Internationaler Tag des weissen Stockes

Erlebnisbericht: Aus der Sicht eines Blinden

Plötzlich nichts mehr sehen. Eine schreckliche Vorstellung. Die Reporterin Sandra Hediger hat mit verbundenen Augen und Blindenstock versucht, einen Parcours zu absolvieren. Im Selbstversuch erlebt sie, mit welchen Schwierigkeiten sehbehinderte Menschen in der Öffentlichkeit konfrontiert werden.

Blindenparcours Aufmacher
Den Parcours blind absolviert

Text SANDRA HEDIGER
Fotos ERWIN RAYMANN

Der Tag fängt hektisch an. Anlässlich des internationalen Tags des weissen Stockes am 15. Oktober 2021, bin ich unterwegs nach Baden. Mein Name ist Sandra Hediger und ich habe eine ganz normale Sehkraft. Mit meinem Selbstversuch möchte ich aber in die Rolle eines blinden Menschen schlüpfen, um zu erfahren, wie er den Alltag ohne Augenlicht meistern kann. Am Bahnhof in Biel eile ich zum Bahnsteig. Mein Blick fällt im Vorbeigehen über die grosse Anzeigetafel. Dort, deutlich zu lesen, weiss auf blau; mein Zug fällt aus. Ausgerechnet! Ich informiere sofort den Fotografen, der mich an diesem Tag begleiten wird. Er soll nicht vergebens um zehn Uhr in Baden, am vereinbarten Treffpunkt auf mich warten. Wieso mein Zug nicht fährt, weiss ich zu dem Zeitpunkt nicht. Später erfahre ich dann den Grund; Personalmangel bei der SBB. Sofort schiesst mir ein Gedanke durch den Kopf; Wie würde ein Blinder mit so einer Situation umgehen? Wie würde er vorgehen? Mir fällt auf, dass ich mich in dieser Situation vor allem auf meine Augen verlasse. Ich werde diese Frage später meinem Interview-Partner Marco Jörg stellen. Er ist Geschäftsführer der Blindenseelsorge Schweiz und der Stiftung David Dienst Schweiz und wird mich in Baden durch den Tag führen. Auf der Anzeigetafel suche ich meine nächste Verbindung raus.

Standzelt Stiftung David Dienst Schweiz in Baden

Internationaler Tag des weissen Stockes 2021 in Baden

Das Standzelt der Stiftung David Dienst Schweiz, das in Baden an zentraler Lage zwischen Bahnhof und Altstadt aufgebaut ist, finde ich auf Anhieb. Marco Jörg steht mit ein paar Leuten daneben, darunter seine Frau Bea, eine seiner Töchter sowie Ursula Graf. Sie ist Mitarbeiterin der Blindenseelsorge Schweiz. Wie die meisten, die bei der Blindenseelsorge arbeiten, ist auch sie blind. Marco Jörg erklärt mir später, wie wichtig ihm ist, blinde und sehbehinderte Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.

In der eigenen Wohnung vorstellbar
Jetzt erblicke ich den Blindenparcours, der neben dem Stand angelegt ist. Kurz überlege ich, mir die Hindernisse zu merken, die ich dann später, während des Durchlaufens des Parcours, nicht mehr sehen werde. Der Fairness wegen verzichte ich darauf. Ich bin gespannt, wie ich den Parcours mit verbundenen Augen meistern werde. Oft schon versuchte ich mir vorzustellen, wie ich mich als Blinde zurechtfinden würde. In der eigenen Wohnung ist das ja noch irgendwie vorstellbar. Wer tappte nicht schon nachts, mit halb geschlossenen Augen, durch die dunkle Wohnung.

Marco Jörg, Geschäftsführer der Stiftung David Dienst Schweiz

Marco Jörg, Geschäftsführer der Stiftung David Dienst Schweiz

«Es gibt keine blöden Fragen»
Ich stelle mich mit Marco Jörg an einen der kleinen runden Stehtische, die mit weissen Tischdecken hübsch drapiert sind. Er sagt, ich dürfe ihm jede erdenkliche Frage stellen. «Es gibt keine blöden Fragen» so Marco Jörg, mit einem Lächeln. Er freut sich offensichtlich, mir meine diversen Fragen zu beantworten. Als Einstieg will ich von ihm wissen, was mich seit frühmorgens beschäftigt. Wie hätte er reagiert, am Bahnhof, als der Zug ausfiel? Seine Antwort überrascht mich dann schon ein wenig. Er hätte sich genauso verhalten wie ich, sagt er mir. Anstelle der Anzeigetafel, hätte er sein Handy gezückt. Dieses technische Hilfsmittel ist für ihn heute praktisch nicht mehr wegzudenken. Er wird mir später anhand seines Mobiltelefons noch demonstrieren, was alles damit möglich ist.

Schnell kommt unser Gespräch in Fahrt. Ich erlebe Marco Jörg als sehr angenehmen Gesprächspartner, mit dem ich mich stundenlang austauschen könnte. Laut lacht er auf, als ich ihn frage, ob Blinde auch Fernsehen. Klar, die Frage war etwas ungeschickt formuliert. Er bestätigt mir jedoch, dass tatsächlich viele Blinde den Fernseher laufen lassen und Fernsehhören. Andere bevorzugen das Radio. Ins Kino geht er liebend gerne, erzählt er weiter. Meinen erstaunten Gesichtsausdruck kann er nicht sehen, aber wohl spüren. «Kino»? frage ich etwas ungläubig. Sogleich erklärt er mir wieso. Das Bild spiele dabei keine Rolle. Vielmehr sei es die besondere Atmosphäre, das Sitzen in diesen Sesseln und andere Leute dabei haben. «Und dann dieser unglaubliche Klang der Dolby Surround-Anlage», schwärmt er.

«Sobald ich nichts sehe, sofort das Gefühl, an einen Abgrund zu kommen.»

Sandra Hediger, Journalistin

Habe mir nie gross Gedanken gemacht
In Hinblick auf meinen bevorstehenden Gang über den Parcours, möchte ich von ihm wissen, auf was ich besonders achten soll. Welches sind die grössten Herausforderungen blinder und sehbehinderter Menschen, wenn sie draussen unterwegs sind. Ohne zu zögern erwähnt er die weissen Streifen am Boden. Diese Leitlinien dienen Blinden und Sehbehinderten zur Orientierung. Der heutige internationale Tag des weissen Stockes, hat zum Zweck, die Mitmenschen zu sensibilisieren. Am Stand wollen Marco und seine Leute Passanten auf die Problematik aufmerksam  machen. Blinde und Sehbehinderte sind auf die Kooperation der Mitmenschen angewiesen. Tatsächlich habe ich diese taktil-visuelle Markierung oft gesehen, mir aber nie gross Gedanken darüber gemacht. Leider bin ich nicht die Einzige. Nichtsahnende platzieren oft Taschen oder Kinderwagen darauf und bilden so Hindernisse. Ebenso können Baustellen oder parkierte Fahrzeuge den Weg blockieren. Dass das wirklich ein Problem ist, werde ich nachher im Parcours selbst feststellen.

Die Füsse bleiben am Boden kleben
Jetzt bin ich gespannt, wie ich mich auf dem Parcours anstellen werde. Die Worte von Marco Jörg in meinem Kopf, begebe ich mich zum Start der abgesteckten Strecke. Der Parcours ist eher kurz und mit Hindernissen bespickt. Ich erinnere mich, wie Marco Jörg mir vorhin erzählte, dass er hell und dunkel unterscheiden kann. Ursula Graf, zum Beispiel, kann das nicht. Bei ihr bleibt immer alles dunkel. Blinde benötigen durchaus auch Sonnenbrillen bei starkem Sonnenschein oder Schnee. Ihre Bindehaut kann sich entzünden, wie bei uns Sehenden auch.

Gut, jetzt bin ich bereit! Bea Jörg zieht mir die schwarze Augenbinde über. Noch während ich überlege, ob ich besser meine Augen schliesse, drückt mir Bea den Gehstock in die rechte Hand. Halt! Ich bin Linkshänderin. Demzufolge muss ich den Stock bestimmt in die linke Hand nehmen und mit dieser auch meinen Weg ertasten. Bereits der erste Schritt ist ein Abenteuer. Der Boden scheint sich zu bewegen. Oder schwanke ich? Probehalber schwenke ich den Stock ein paarmal hin und her. Irgendwie scheint mir dieser Stock nicht sehr stabil. Meine Schuhe fühlen sich an, als hätte jemand Blei rein gegossen; ich kann meine Füsse kaum vom Boden heben. Ich wage die ersten, ganz kleinen Schritte. Bea Jörg läuft neben mir her, sehend, für den Fall. Sie lässt mich aber machen. Der Boden ist uneben, zumindest kommt er mir so vor.

«Meine Schuhe fühlen sich an, als hätte jemand Blei rein gegossen.»

Sandra Hediger, Journalistin

Komischerweise beschleicht mich, sobald ich nichts sehe, sofort das Gefühl, an einen Abgrund zu kommen. Auch jetzt. Nach den ersten noch zögerlichen Schritten, werde ich zunehmend sicherer. Ich bin schon ganz stolz, wie ich das meistere. Da taucht das erste Hindernis auf und blockiert meinen Weg. Nun kann ich mich nicht mehr an den weissen Streifen orientieren. Ich denke an die Worte von Marco Jörg, wie schwierig der Weg abseits der Leitlinien zu finden ist für Sehbeeinträchtigte. Es kostet Zeit und verunsichert. Ich muss mich jetzt auch zurechtfinden. Obschon die Strecke nur kurz ist, erkenne ich die Schwierigkeit. Zum Glück habe ich den weissen Stock in der Hand und Bea an meiner Seite. Ich bleibe stehen und schiebe den Stock links und rechts über den Boden. Gehe mit kleinen Schritten weiter. Unter motivierenden Zurufen vom Publikum, dass sich inzwischen neben dem Parcours eingefunden hat, finde ich den Weg um das erste Hindernis herum. Weiter im Takt.

Von Explosion bis Kind mit BallonDer ganze Parcours ist gerade mal acht Meter lang.
Ich fühle mich zunehmend sicherer, meine Schritte werden bestimmter. Doch da: Ein lauter Knall! Dieser Lärm fährt mir durch Mark und Bein. Wie eingefroren bleibe ich stehen, drehe meinen Kopf in die Richtung, aus der ich den Knall vermutete. Was war das denn?! Ich kann den Knall nicht zuordnen. In Sekundenschnelle gehen mir verschiedene Bilder durch den Kopf, von Explosion bis Kind mit Luftballon. Aber alles scheint gut zu sein, wie ich den lachenden Zurufen des sehenden Publikums kann entnehmen.

Marco Jörg hatte in unserem Gespräch erwähnt, dass Blinde jedem Geräusch Aufmerksamkeit schenken. Wir Sehenden klären mit einem Blick, was um uns herum geschieht und blenden dann aus, was nicht von Relevanz ist. Ein Blinder kann das nicht.

Ich fasse mich wieder und gehe weiter. Bald stosse ich ans nächste Hindernis. Erneut halte ich kurz inne, überlege und suche mir mithilfe des Stockes den Weg. Einige der Stimmen um mich sind ganz nah, andere weiter weg. Während ich gehe, versuche ich mir vorzustellen, wer spricht und wo die Personen stehen. Da ich nichts sehen kann, fühle ich mich wie in einer Blase. Ich bin viel mehr auf mich selbst fokussiert, nehme meine Bewegungen intensiver wahr. Normalerweise überlege ich nicht, wie hoch ich meine Beine heben oder wie gross meine Schritte sein sollen. Wenn ich gehe, schaue ich mir die Umgebung an und alles andere läuft automatisch ab. Das ist jetzt natürlich nicht so. Ich nehme die Umgebung über mein Gehör wahr.

Der ganze Parcours ist gerade mal acht Meter lang. Auf dieser kurzen Strecke geht mir aber ganz viel durch den Kopf. Langsam nähere ich mich dem Ende der Strecke. Die motivierenden Zurufe werden lauter. «Stell dir einen Torbogen vor! Da musst du jetzt durch, dann hast dus geschafft» höre ich jemanden rufen. Ich schwenke den weissen Stock von links nach rechts und zurück. Der Gehstock ist mein verlängerter Arm und ersetzt gleichzeitig meine Augen. Während ich durch den imaginären Torbogen durchgehe, applaudieren die Anwesenden. Zumindest nehme ich das so wahr. Ich habe den Parcours geschafft.

Erleichtert, den Parcours gut gemeistert zu haben, nehme ich die Augenbinde ab. In diesem Moment verspüre ich auch Dankbarkeit, dafür dass ich sehen kann. All jene, die ihren Alltag blind bewältigen, haben meinen grossen Respekt.

Braille-Schreibgerät für Sehbehinderte: Technische Hilfsmittel sind für Marco Jörg heute praktisch nicht mehr wegzudenken.
Weitere Infos
www.david-dienst.ch
www.blindenseelsorge.ch
Podcast «Hotel Matze»