FAU Redaktion Werkschau Text

«Das Buch eines Sommers»

Werdet wie die Kinder. Die Kunst, sich selber eine Stimme zu geben.

Ein Karrieremensch, der an der Verlängerung des Lebens forscht, erfährt vom Tod seines Onkels, der ihm ein Vorbild war, und tritt sein Erbe an. Vom Appell eines Romans, die Bilanz des eigenen Lebens nicht allzu sehr nach hinten zu verschieben.

Erzählperspektiven fokussieren das Motto «Werde, der du bist» kaleidoskopisch.

Text CARMEN SCHURTER

Der Autor, Wissenschaftsjournalist und Verfasser des Bestsellers «Der Ernährungskompass» (2018), hat mit «Das Buch eines Sommers» seinen ersten Roman geschrieben. Eigentlich wollte Bas Kast einen weiteren Ratgeber für ein gutes Leben verfassen. Denn plötzlich, gerade mal 40-jährig, vor einigen Jahren war es, als ob eine kalte Fausthand nach ihm griff und er begriff: Dies macht mein Herz nicht mehr lange mit, dieses mein Leben auf diese Weise. Und so machte er sich auf die Suche nach seinem Kompass. Denn es geht nicht einfach immer so weiter.

Werde, der du bist
Als Vater dreier Kinder war für ihn der Zeitpunkt gekommen, sich Gedanken zu machen, was er ihnen an bleibenden Werten vermitteln wollte. Er stellte jedoch fest, dass sich die Psyche weniger gut kartographieren lässt als eine Flut von Ernährungsstudien, und beschloss, den Versuch zu wagen, einen Roman zu schreiben. Ein Vorhaben, das er schon immer realisieren wollte, sich jedoch nicht zutraute, weil er dachte, nichts zu erzählen zu haben. Nichts von Bedeutung.

In Kasts Roman geht es um eine «Auszeit» – aber auch um die Erinnerung an einen Sommer des Ich-Erzählers Nicolas, welcher der Sommer seines Lebens hätte werden sollen. Die Ausbildung endlich hinter und das Abenteuer Leben vor sich – Carte blanche. Da haut einfach seine Liebe ab.

«Nur fühlte ich mich überhaupt nicht frei, und das Abenteuer entfernte sich Minute für Minute mehr von mir, mit rasender Geschwindigkeit. Um genau zu sein, sass es in einer Boeing 747, auf dem Weg nach Sydney.»

Eine Depression beginnt sich abzuzeichnen, es drohen Wochen ungenutzter Lebenszeit. Da taucht, wie aus dem Nichts, Nicolas’ Lieblingsonkel Valentin auf und entführt diesen in seine Welt. Im Cabrio, einem schwarzglänzenden Porsche 911 Targa, Baujahr 1987, brausen die beiden gen Süden, wo der Onkel in einer geheimnisvollen Villa lebt. Und schreibt. Erfolgreich. Der «Spinner der Familie» hat sich als Schriftsteller etabliert.

Im Jetzt sein
Dieser Onkel gibt dem Ich-Erzähler zu verstehen, dass es sich nicht lohnt, sich das Leben anders zu wünschen: «Wie absurd es ist, sich den Moment wegzuwünschen, jeden Moment eigentlich, selbst die schwierigen. Denn was ist das Leben anderes als eine Aneinanderreihung von Momenten? Wenn man sich die andauernd wegwünscht, hat man sich am Ende das ganze Leben weggewünscht.»

Zwei Jahrzehnte später, inzwischen CEO eines Pharmakonzerns, erfolgreich und gestresst, erreicht Nicolas die Nachricht vom Ableben seines Onkels. Ein zweiter Sommer auf der Suche nach dem wahren Ich entwickelt sich zum «Labor», in dem Träume wahr werden.

Das Erbe antreten
Die abgelegene Villa des Onkels bietet mit ihrem Garten eine Oase der Ruhe und der Sinneserfahrungen. Zeit für Austausch – Gedankenaustausch und Austausch von Gefühlen. Nicolas zieht sich mit seiner kleinen Familie in eine Art digitalen Lockdown hierher zurück. Die Familie, die er bloss gefühlt noch kennt. Der Onkel, den er über all die Jahre kaum mehr gesehen hatte und nun beerdigen soll. Nicolas wird bewusst, dass sein Leben aus dem Ruder gelaufen ist. Er beginnt aufzuräumen.

Bas Kasts literarisches Alter Ego Nicolas verwirklicht nun, ebenso wie der Autor, den Traum seiner Jugend und schreibt den ersten Roman – das Resultat nächtlicher Gespräche mit der Romanfigur seines Onkels. Valentin hatte mit dem Charakter Christopher eine Figur geschaffen, die in einer ganzen Folge von Romanen seinem Neffen eine Richtschnur durch das Chaos der Begehrlichkeiten und des Konkurrenzgerangels bieten sollte. Einen Kompass gegen die Erwartungen der Aussenwelt, deren Druck nachzugeben so leicht gelingt. Eine Art Gegengift zur Mainstream-Mentalität seines Bruders, Nicolas’ Vater.

Denn Nicolas ist damals nach dem Sommer mit seinem Onkel, den er sich als Vorbild nehmen wollte, in die Fussstapfen seines Vaters getreten und hat sich der Erforschung von Demenz- und Alterserkrankungen gewidmet. Seine Firma hat sich einem Ziel verschrieben: den Tod nach hinten zu verschieben, das sogenannte «Methusalem-Projekt».

Shana Moulton: «Restless Leg Saga»
Podcast «Hotel Matze»
Bas Kast

Das Buch eines Sommers

Werde, der du bist
Diogenes Verlag, Zürich, 2020
Hardcover Leinen, 240 Seiten
Fr. 30.00
ISBN: 978-3-257-07150-4

Aufwachen
Der Verlust seines Onkels lässt ihn nun erkennen, dass es gilt, zu leben, was man wirklich will – und nicht auf den «richtigen Zeitpunkt» zu warten. Jetzt gilt es zu handeln – jetzt schon gilt es, die Bilanz des eigenen Lebens zu ziehen, und nicht erst auf dem Sterbebett. Schluss mit der «Aufschieberitis» des Wesentlichen.

Doch die Gewohnheit holt Nicolas immer wieder ein. Oder warum entscheidet er sich, lieber alleine einkaufen zu gehen als mit seinem süssen Sohn, der sich nichts mehr wünscht, als mit seinem Vater die Welt zu erkunden? Weil er alleine schneller ist, effizienter? So mehr Zeit hat? Wofür? Um sich Gewissensbisse zu machen, zu wenig Zeit mit seinem Sohn zu verbringen, zu wenig mitzubekommen, womit sich dieser beschäftigt? Reue darüber zu verspüren, später, die Entwicklung seines Sohnes, eine echte Beziehung zu diesem verpasst zu haben?

Das Leben mit Sprezzatura wagen
Christopher, die erfolgreiche Romanfigur des Onkels, erscheint Nicolas im Traum. Das Unbewusste drängt zur Sprache: «Wir bereuen weniger, was uns nicht gelungen ist, woran wir gescheitert sind, als die Dinge oder Träume, an die wir uns nicht herangewagt haben.» Das können auch ganz kleine Dinge sein. Momente der Aufmerksamkeit für Beziehungen, beispielsweise. Wie Onkel Valentin, der seine grosse Liebe wegen der Obsession zum Schreiben verloren hatte, damals: «Für die Gegenwart hatte ich keinen Nerv.»

Im Traumgespräch, Champagnerschalen an den Lippen, wird Nicolas von Christopher ermutigt, seinen eigenen Weg zu gehen – aus der Quelle zu leben und nicht fremden Idealen nachzueifern. Und er wird daran erinnert, mit welcher Lässigkeit der Onkel selbst schwierige Entscheidungen meisterte – mit welcher Sprezzatura, wie er es nannte. Mit einer Grazie, die den Künstler verrät.

So gelingt auch Bas Kast ein lässiger, ein Wohlfühlroman – mit Perlage wie Champagner. Unterhaltung, sprachliche Spielereien und Lebensweisheiten. Schwere Kost leicht verpackt. Auch Nicolas, dem Protagonisten, gelingt es, seine Sprache zu finden – eine Sprache, die aus dem Inneren kommt, indem er seinen Empfindungen nachgeht und so plötzlich auch in andere hinein und aus deren Augen heraus die Welt sehen kann. Er kämpft nicht mehr gegen, sondern für sich. Und er hat nun etwas zu erzählen – von seinem gelingenden Leben. Sprache pur.

Das Erzählen
Es ist auffällig, wie viel Raum das literarische Schreiben als eigenständiges Motiv in diesem Roman einnimmt. Unterschiedliche Erzählperspektiven fokussieren wie ein Kaleidoskop die immer wiederkehrende Aufforderung: «Entwickle dich zu dem einmaligen, unverwechselbaren, unaustauschbaren Menschen, der in dir angelegt ist.» Die Quelle scheint das Unbewusste zu sein, das in der Figur des Christopher eine kritische und mahnende Stimme findet. Das Ich entwickelt sich am Du.

Der Autor schreibt nicht zuletzt für sich selbst. Sein Text ist Verdichtung und Zeichen für eine Ausrichtung, die er als gültig und richtig erkannt hat. Die Sprache sein Instrument. Mit ihr erinnert er sich – gelangt er an sein Inneres. Bas Kast bestimmt seine multimediale Medienpräsenz aus seinem Leben heraus. Authentisch.

Privileg oder Anspruch?
Was nur, fragt sich abschliessend, ist möglich, wenn es keinen Onkel Valentin gibt, weit und breit, oder wenn sein Gegengift nicht wirkt? Oder anders formuliert: Gelingt Selbstbestimmung bloss den Gutbetuchten, denjenigen, die es sich leisten können, den Pfaden von Hesse, Coelho oder heute Kast zu folgen?

Trotz wenig Rotz, etwas Porsche und viel Champagner: Wie herausfordernd es sein kann, seinen eigenen Weg zu gehen, wird deutlich, wenn Nicolas in der Geschichte vom Wolf, der als Hund gehalten in einer Stadtwohnung lebt, fragt: «Sollte er bleiben, wo er aufgewachsen und beschützt war, sich aber ewig leer und fremd fühlen würde?»

Weiterführende Literatur
Joachim Bauer: «Fühlen, was die Welt fühlt. Die Bedeutung der Empathie für das Überleben von Menschheit und Natur»; Blessing 2020, München.
Remo Largo: «Das passende Leben. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben»; Fischer 2017, Frankfurt a/M.